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Aus der Plattenkiste: 4 Alben für die kalte Jahreszeit

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Wenn es um das Thema Herbst geht, sind wir schnell bei romantischen Serien, einer warmen Tasse Tee oder einem guten Buch angelangt. Was mir bei all den Empfehlungen allerdings immer fehlt, ist die Musik. Schließlich ist sie doch für die meisten von uns ein ständiger Begleiter, der das Alltägliche in Marmeladenglasmomente verwandelt. Daher habe ich für Euch vier Alben aus der Plattensammlung rausgekramt, die sich besonders gut zur kalten Jahreszeit hören lassen.

Kevin Morby – Sundowner (2020)

Inspiriert von der weiten Landschaft Kansas‘, kreiert Kevin Morby auf seinem aktuellen Album Sundowner ein mystisch-melancholisches Bild des Mittleren Westens. Namensgebend sind die langen Sonnenuntergänge, die in ihm ein seltsames Gefühl von tiefer Melancholie hervorrufen. Nachdem Morby seine Zwanziger in New York City und Los Angeles verbrachte, kehrte er vor wenigen Jahren an den Ort seiner Kindheit zurück: Kansas City. Ein Homecoming, das sich auch musikalisch widerspiegelt. Schrieb Kevin Morby auf seinem letzten Album noch Songs „above the weather“, scheint er jetzt angekommen und „down to earth“ zu sein. Er hat sich selbst in seiner alten Umgebung gefunden und widmet mit Sundowner dem Mittleren Westen eine Hommage. 

„There’s a campfire inside my soul. And it billows.“

Zwar wird das Album deutlich von Melancholie bestimmt, doch wirkt sie nicht zu schwer. Sie erdrückt nicht, sie leidet nicht. Vielmehr wirkt sie resümierend und befreiend. Kevin Morby nimmt uns mit auf eine folkige Reise durch weite Canyons, vorbei an prasselnden Lagerfeuern und rauchenden Teenagern auf Highways. Wir lernen verstorbene Freunde, Liebesgeflüster hinter papierdünnen Wänden und das Wunder des Lebens kennen. Ein Storyteller mit ausgefeilten Charakterstudien, dessen Geschichten im Banalen den Nabel der Welt finden.

Bo Hansson – The Lord of the Rings (1970)

Wer dieses Album auflegt, begibt sich auf eine fantastische Reise durch den Geist von Bo Hansson. Denn das Debüt des schwedischen Komponisten und Keyboarder ist seine musikalische Interpretation von Tolkiens Meisterwerk Der Herr der Ringe. Wer jetzt ein cinematisches Orchester erwartet, liegt jedoch falsch. Bo Hansson hypnotisiert uns auf eine jazzig-psychedelische Fahrt durch den abgedrehten Underground Schwedens. Das reine Instrumental-Album schafft eine geheimnisvolle Atmosphäre, das traumverhangene Bilder aus Mittelerde entstehen lässt und gleichzeitig ein neues Genre erfunden hat. Die Aufnahmen dazu entstanden in einem Ferienhaus auf einer Insel nahe Stockholms. Bo Hanssons The Lord of the rings ist genau das richtige für einen chilligen Abend Zuhause.

Motorama – Alps (2010)

Northern seaside ist der wohl sanfteste Einstieg, den eine Platte haben kann. Die ruhige Baseline, ein verträumtes Klimpern und Vladislav Parshins dunkle Stimme „I am alone, throwing stones through the dark“. Was darauf folgt, ist eines der grandiosesten Alben, das jemals geschrieben wurde. Das Debüt der russischen Post-Punk-Band Motorama ist deutlich vom britischen Indie der 80er geprägt, doch sind sie weit davon entfernt, wie eine Kopie zu klingen.

„Through the leaves, down the hill with white rabbits and owls. And she said: there is no hunters here.“

Ihr Sound ist dunkel und zugleich poppig, düster, aber nicht aggressiv. Die Texte: hoffnungsvoll statt depressiv. Vlad Parshin ist ein Meister darin, mit wenigen Worten sehr lebendige Bilder zu zeichnen. Mal alltäglich und nahbar, mal mystisch verträumt. Doch egal in welchen Sphären sich die Songs bewegen, Alps ist immer ein Album voller Sehnsucht und Romantik.

Nick Drake – Pink Moon (1972)

Auch wenn diese Liste keiner Hierarchie folgt, gibt es für mich kein Album, was besser in diese Jahreszeit passt, als Pink Moon von Nick Drake. Der britische Folkmusiker ist wohl eine der talentiertesten aber auch tragischsten Figuren moderner Musikgeschichte. Seinen ersten Auftritt hatte Drake bereits mit 18 Jahren. Verschüchtert wandte der introvertierte Hühne seinen Blick damals stets verkrampft vom Publikum ab. Trotzdem nahm er kurz darauf mit dem legendären Produzenten Joe Boyd sein erstes Album Fives Leaves Left auf – eine Anspielung auf die letzten Zigarettenblättchen; eine Prophezeiung aus heutiger Sicht. Pink Moon ist sein letztes und sicherlich das signifikansteste Album.

„Take a look, you may see me on the ground. For I am the parasite of this town.“

Das bemerkenswerte ist der inhärente Kontrast der Platte. Die poetischen Texte sind tief traurig und offenbaren Nick Drakes desillusionierten Blick auf eine ihn unzugängliche Welt. Dem gegenüber komponierte er jedoch ein Gitarrenspiel, das mit seinen heiteren und leicht zugänglichen Melodien nicht freundlicher sein könnte. Sein Gesang ist still, nahezu buddhistisch ruhig, mit einer Stimme, die für einen 24-Jährigen viel zu alt ist. Pink Moon hat die Gabe, vom ersten Klang an in den Bann zu ziehen und sich wie ein persönlicher Soundtrack zum Leben anzuhören. Das ebenso surrealistische wie ikonische Cover zeigt einen collagierten Frühlingsmond – den pink moon. Ein schlechtes Omen, auch killing moon genannt, das einen bevorstehenden Tod vorhersagt. Und so kam es, dass der an schweren Depressionen leidende Nick Drake fünf Jahre nach seinem ersten Album an einer Überdosis Antidepressiva verstarb.
Obwohl jedes seiner drei Alben von der Kritik hoch gelobt wurde, blieb ihm der kommerzielle Erfolg zu Lebzeiten stets verwehrt. Erst als der Song Pink Moon im Jahre 2000 für eine Autowerbung verwendet wurde, erhielt der Musiker große Aufmerksamkeit. Und spätestens seit dem erfolgreichen Soundtrack von Garden State ist Nick Drake endlich im Olymp des Indie-Folk angekommen.

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